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"GLOBAL CARE UND WIRTSCHAFTSKRISE
SIND KEIN WIDERSPRUCH"

Die ANDRITZ-Vorstände im Interview: Welche Bedeutung hat "Global Care" für die ANDRITZ-GRUPPE, welchen Beitrag leistet ANDRITZ in diesem Bereich für seine Kunden und warum sind globale Wirtschaftskrise und Umwelt- sowie Klimaschutz kein Widerspruch?
ANDRITZ bietet eine breite Palette von Produkten und Service-Leistungen im Bereich erneuerbarer Energien sowie im Bereich Umwelt- und Klimaschutz an. Ist dies in Zeiten globaler Wirtschaftsschwäche und rückläufiger Investitionen nicht ein Widerspruch?

Wolfgang Leitner:
Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten streben viele unserer Kunden an, ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, um ihre Marktposition halten zu können und am Ende gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Hauptziele sind verringerter Rohstoff- und Energie-Einsatz oder, bei gleichbleibendem Rohstoff- und Energie-Einsatz, eine Erhöhung der Produktivität des eingesetzten Kapitals. Dank erfolgreicher Forschungs- und Entwicklungsarbeit können wir unseren Kunden dabei verbesserte Technologien anbieten – sowohl bei Neuprojekten als auch im Service-Bereich.
Mit "Global Care" fokussieren wir uns auf den Klimaschutz und die Frage, was ANDRITZ dazu beitragen kann und wie wir gleichzeitig die Kundenziele hinsichtlich Effizienz- und Produktivitäts-Steigerung berücksichtigen können. Gerade in Krisen-Zeiten ist der sparsame Umgang mit Rohstoffen und Energie ein sehr wichtiges Thema. Viele unserer Kunden setzen in wirtschaftlich schlechteren Zeiten auf unsere neuesten Technologien, um sich eine gute Wettbewerbsposition für die Zukunft zu sichern. Insofern sind "Global Care" und Wirtschaftskrise kein Widerspruch.
Trotz der Unsicherheit hinsichtlich der wahren Ursachen ist die globale Erwärmung ein Thema, das jeden einzelnen von uns in seinem täglichen Leben schon heute längst betrifft und in Zukunft noch vehementer treffen wird. Daher sollte sich jeder Mensch und auch jedes Unternehmen diesem herausfordernden Thema stellen. Das Kyoto-Protokoll ist die erste internationale Vereinbarung, die verbindliche Ziele für die Reduzierung des Ausstoßes an Treibhausgasen formuliert. Die EU setzt bei der Erreichung ihrer Klimaschutz-Ziele auf erhöhte Energie-Effizienz und den vermehrten Einsatz erneuerbarer Energien. Auch in den USA zeichnet sich ein Trend zur vermehrten Nutzung erneuerbarer Energiequellen ab.
Welche Ziele und Strategien verfolgt ANDRITZ im Bereich "Global Care"?
Wir richten unseren Fokus in diesem Bereich auf Energie-Effizienz und erneuerbare Energien. Dieser Fokus ist integrativer Bestandteil unserer Unternehmensstrategie, die im Wesentlichen seit mehr als zehn Jahren unverändert erfolgreich besteht. Unser starkes organisches Wachstum erreichen wir auch durch intensive Forschungs- und Entwicklungsarbeit, bei der wir zumeist in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden neue Technologien entwickeln, die letztendlich – wie zuvor beschrieben – die Wettbewerbsfähigkeit des Kunden erhöhen. So macht der Verkauf von Produkten und Technologien im Bereich erneuerbarer Energien heute bereits 50 Prozent des Gesamt-Umsatzes der ANDRITZ-GRUPPE aus. Wir streben hier eine weitere Steigerung in den kommenden Jahren an.
Wie Sie gesagt haben, setzen die EU und die USA in der Klimaschutz-Politik neben der erhöhten Energie-Effizienz vor allem auf den vermehrten Einsatz von erneuerbaren Energiequellen. In welchen Bereichen ist ANDRITZ hier tätig?
Im Bereich erneuerbare Energien setzen wir auf Wasserkraft und Biomasse. ANDRITZ gehört zu den drei führenden Anbietern von Wasserkraftanlagen weltweit – bereits 150 Millionen Menschen beziehen ihren Strom aus Wasserkraftanlagen, die von uns geliefert wurden. Unsere weltweit installierten Wasserkraftanlagen ermöglichen eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um zirka 38 Millionen Tonnen pro Jahr.
Was den Bereich Biomasse betrifft, soe bieten wir unseren Kunden mittlerweile ein umfassendes Portfolio an. Mit unseren Trocknungs- und Pelletieranlagen werden aus Biomasse Brennstoff-Pellets erzeugt. Mit ANDRITZ-Rückgewinnungskesseln für die Zellstoff-Industrie wird aus Schwarzlauge, einem Abfallprodukt des Zellstoff-Produktionsprozesses, Energie gewonnen. Moderne Zellstoff-Fabriken können damit nicht nur den eigenen Energiebedarf bis zur Gänze selbst abdecken, sondern sogar Überschussenergie an das öffentliche Stromnetz verkaufen – und werden damit zunehmend unabhängig von fossilen Brennstoffen. Einige Zellstoff-Fabriken haben sogar schon mit dem Bau eigener Kraftwerke begonnen, um aus Biomasse Strom für das öffentliche Stromnetz zu erzeugen. Auch für diese Anwendung bietet ANDRITZ mit seinen Wirbelschichtkesseln die geeignete Technologie an und beliefert mehrere Projekte, aktuell unter anderem auf der iberischen Halbinsel.
Mit dem finnischen Forstindustrie-Unternehmen UPM arbeiten wir gemeinsam an der Entwicklung einer Technologie für die Gasifizierung von Holzabfällen zur Herstellung von Biokraftstoff. Holzabfälle gehören zu den vielversprechendsten Materialien für eine nachhaltige Biokraftstoff-Produktion. Wenn die Pilotversuche erfolgreich verlaufen, plant UPM den Bau einer industriellen Anlage, an deren Planung ANDRITZ ebenfalls mitarbeitet.
  Gerade in Krisen-Zeiten ist der sparsame Umgang mit Rohstoffen und Energie ein sehr wichtiges Thema. Viele unserer Kunden setzen in wirtschaftlich schlechteren Zeiten auf unsere neuesten Technologien, um sich eine gute Wettbewerbsposition für die Zukunft zu sichern       

Wolfgang Leitner, Vorstandsvorsitzender der ANDRITZ AG

Welche Technologien bietet ANDRITZ PULP & PAPER in diesem Bereich an? Und welche Einsparungen und Effizienzsteigerungen sind dabei für Ihre Kunden möglich?

Karl Hornhofer:
ANDRITZ ist als Komplett-Systemanbieter in der Lage, gesamte Zellstoff- und Papier-Anlagen von Beginn an energietechnisch optimiert anzubieten. In der Planungsphase werden für die ganze Fabrik Energiebilanzen gerechnet, die einzelnen Prozess-Schritte werden so simultan optimiert. Unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit wirkt sich sehr positiv auf die Investitions-, Betriebs- und Energiekosten der Kunden-Anlagen aus. Ich möchte hier drei konkrete Beispiele für Technologien nennen, die eine massive Verbesserung der Energieeffizienz bewirken – und damit einerseits die CO2-Bilanz positiv beeinflussen und andererseits sehr profitabel für unsere Kunden sein können:
Speziell mit unserem Hochleistungs-Rückgewinnungskessel HERB, der mit höchstem Druck und höchster Temperatur arbeitet und damit den thermodynamischen Wirkungsgrad stark erhöht, kann die Stromgewinnung maximiert werden. Das haben wir zum Beispiel mit dem HERB-Kessel bei SCA im Werk Östrand in Schweden bewiesen, mit dem 500 Gigawattstunden Strom pro Jahr erzeugt werden – genug, um das Werk praktisch energieautark zu betreiben.
Der einzige noch verbleibende fossile Energieverbraucher in einer Zellstoff-Fabrik ist der Drehrohrofen, wo Kalk gebrannt wird. Üblicherweise wird mit Erdgas oder Erdöl befeuert. Als Ersatz für diese fossilen Brennstoffe könnte man in einem modernen Wirbelschichtvergaser auch Abfallholz und Rinde vergasen und dieses Holzgas verwenden.
Relativ neu in unserem Programm sind Wirbelschichtkessel, mit denen aus Biomasse, wie Holz und Holzabfällen, Strom erzeugt wird. Fünf Kessel werden derzeit an Kunden in Spanien, Portugal und Estland geliefert, die damit grünen Strom für das öffentliche Netz produzieren.
  Unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit wirkt sich sehr positiv auf Investitions-, Betriebs- und Energiekosten der Kunden-Anlagen aus.        Karl Hornhofer, Vorstand,
Geschäftsbereich PULP & PAPER (Neuanlagen)
Welche Rolle spielt der Umgang mit Energie im Service-Bereich der Zellstoff- und Papier-Branche?

Humbert Köfler:
Energie ist für unsere Kunden in der Zellstoff- und Papier-Herstellung ein wesentlicher Kostenfaktor. In Zeiten hoher Energiepreise und angesichts der Forderung nach nachhaltiger Produktion ist der Energieverbrauch zu einem Kernthema geworden. Wir sind uns der Bedeutung von Energieeffizienz bewusst und arbeiten seit vielen Jahren kontinuierlich daran, den Energieverbrauch unserer Produkte sowie der bestehenden Kunden-Anlagen weiter zu senken. Wir bieten dabei Technologien und Service-Leistungen an, die es den Kunden ermöglichen, den Energieverbrauch ihrer Anlagen stark zu reduzieren, noch mehr Energie aus dem Produktionsprozess zurückzugewinnen und die Stromproduktion zu steigern.
Gerade im Service-Bereich sehen wir bei vergleichsweise geringem Aufwand signifikante Einsparungspotenziale. Nehmen wir beispielsweise die Herstellung von mechanischem Faserstoff: Es gibt immer noch Produktionslinien, die ohne Wärmerückgewinnung laufen – durch Einbau einer Wärmerückgewinnung kann man pro Megawatt Energie-Einsatz eine Tonne Dampf zurückgewinnen. Damit sind Energie-Einsparungen bis zu 30 Prozent möglich. Durch die Umstellung auf neue Refiner-Mahlplatten haben wir bei der Herstellung von thermomechanischem Faserstoff bereits Energie-Einsparungen von bis zu zehn Prozent erzielt.
  Wir bieten Technologien und Service-Leistungen an, die es den Kunden ermöglichen, den Energieverbrauch ihrer Anlagen stark zu reduzieren, noch mehr Energie aus dem Produktionsprozess zurückzugewinnen und die Stromproduktion zu steigern.        Hubert Köfler, Vorstand,
Geschäftsbereich PULP & PAPER (Service & Systemlösungen)
Wie sehen Sie die Entwicklung des Wasserkraftbereichs angesichts der Wirtschaftskrise und der steigenden Umweltschutzbemühungen? Welche Technologien bietet ANDRITZ HYDRO hier an?

Friedrich Papst:
Vor dem Hintergrund der internationalen Bemühungen um den Klimaschutz wird die Bedeutung der Wasserkraft als wichtigste erneuerbare Energiequelle weiter steigen. An der weltweiten Stromproduktion haben erneuerbare Energiequellen derzeit einen Anteil von zirka einem Fünftel – der Anteil der Wasserkraft im Bereich aller erneuerbaren Energiequellen liegt bei zirka 90 Prozent. Bis dato wird jedoch weltweit erst rund ein Drittel des realistischen Wasserkraftpotenzials genutzt und auch bei bestehenden Wasserkraftanlagen sehen wir noch erhebliche Potenziale zur Leistungs- und Effizienz-Steigerung.
Aufgrund der Wirtschaftskrise haben viele Regierungen intensive Infrastruktur-Maßnahmen gestartet, wobei in vielen Ländern in den Neubau bzw. die Modernisierung von Wasserkraftwerken investiert wird, um die Wirtschaft zu stützen. Dass damit verstärkt erneuerbare Energiequellen genutzt werden und so unsere Umwelt geschützt wird, ist quasi eine positive Nebenwirkung der Wirtschaftskrise. Wir sind also optimistisch, dass sich das Geschäft von ANDRITZ HYDRO positiv entwickeln wird.
Im Wasserkraftbereich besteht aber auch durch Sanierungen und Modernisierungen vorhandener Anlagen bedeutendes Potenzial zur Leistungssteigerung. Bei der Generalüberholung eines Donaukraftwerks in Rumänien beispielsweise konnten wir die Leistung von 1.068 auf nahezu 1.200 Megawatt steigern. Damit erspart man sich den Neubau eines mittelgroßen Kraftwerks.
  Bis dato wird weltweit erst rund ein Drittel des realistischen Wasserkraftpotenzials genutzt – und auch bei bestehenden Wasserkraftanlagen sehen wir noch erhebliche Potenziale zur Leistungs- und Effizienz-Steigerung.        Friedrich Papst, Vorstand,
Geschäftsbereiche HYDRO und FEED & BIOFUEL
Welche Entwicklungen zeichnen sich in den Geschäftsbereichen METALS und ENVIRONMENT & PROCESS ab? Wie kann ANDRITZ zu einer nachhaltigen und auf minimierten Ressourceneinsatz bedachten Entwicklung beitragen?

Franz Hofmann:
Bei Anlagen zur Erzeugung und Veredelung von Stahlband spielt die sparsame Verwendung von Rohstoffen und die Reduzierung von Emissionen eine ganz wesentliche Rolle. Bei Fertigungslinien für Edelstahl ist ANDRITZ METALS einer der ganz wenigen Komplettanbieter weltweit, der alle erforderlichen Prozesse – Walzen, Glühen, Beizen, Veredelung – aus einer Hand anbietet. Dazu gehört auch die Rückgewinnung von Säuren, bei der mittlerweile ein sehr hohes Niveau erreicht ist. Mit dem von uns entwickelten abwasserfreien Mischsäureverfahren werden nahezu 100 Prozent der Säuren aus dem Beizprozess wiedergewonnen und können wiederverwertet werden. Alle unsere Fertigungslinien sind mit Technologien ausgestattet, die Emissionen so weit wie möglich reduzieren oder völlig unterbinden. Besonders erwähnenswert sind unsere Entstickungsanlagen für Edelstahlbeizen und Säurerückgewinnungsanlagen. Die bis dato gelieferten Anlagen reduzieren die Emissionen von Stickoxid – einem sogenannten indirekten Treibhausgas – um mehr als 30.000 Tonnen pro Jahr.
ANDRITZ ENVIRONMENT & PROCESS bietet schon seit vielen Jahren erfolgreich Anlagen zur Trocknung von Klärschlamm an. Diese verarbeiten flüssigen Klärschlamm zu Granulat, das als Ersatz für fossile Brennstoffe in der Wärme- und Stromerzeugung verwendet werden kann. In einem Zementwerk in Deutschland beispielsweise wird Klärschlamm aus verschiedenen europäischen Kläranlagen mit einem ANDRITZ-Bandtrockner – unter Verwendung der Abwärme aus dem Klinkerkühler – getrocknet, und das daraus resultierende Granulat, mit einem Heizwert von zehn bis 13 Megajoule pro Kilogramm, wird als Brennstoff in der Zementerzeugung eingesetzt. Aufgrund der stark steigenden Nachfrage nach Anlagen zur Trocknung von Hackschnitzeln und Sägespänen für die Erzeugung von Holzpellets haben wir auch unser Bandtrocknungssystem für Biomasse-Anwendungen weiterentwickelt. An die deutsche Pfeifer-Heggenstaller-Gruppe liefert ANDRITZ zwei Bandtrocknungsanlagen für Sägespäne, nach Schweden liefern wir im Zuge eines Großprojekts, das auch ANDRITZ-Pelletiermaschinen umfasst, ebenfalls einen Bandtrockner für Sägespäne.
  Unsere bis dato gelieferten Entstickungsanlagen für Edelstahlbeizen und Säurerückgewinnungsanlagen reduzieren die Emissionen von Stickoxid – einem sogenannten indirekten Treibhausgas – um mehr als 30.000 Tonnen pro Jahr.        Franz Hofmann, Vorstand
Geschäftsbereiche METALS und ENVIRONMENT & PROCESS
 
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